Heiligkeit

Das Wort Heilig bezeichnet etwas Besonderes, Verehrungswürdiges und stammt wortgeschichtlich von Heil ab, was sich abgeschwächt noch in heil („ganz“) wiederfindet (vgl. englisch: holy, „heilig“, von whole). Im allgemeinen Sprachgebrauch ist heilig ein religiöser Begriff mit der zugedachten Bedeutung zur göttlichen Sphäre zugehörig, einer Gottheit geweiht. Gleichbedeutend wird das Fremdwort sakral gebraucht, auch als Gegensatz zu profan (weltlich). (Quelle: Wikipedia.de)

 

gemalte Vignette über dem Eingangsportal der Basilika von Kloster Ottobeuren (Allgäu)

 

In der heutigen Zeit sind den meisten Menschen eher profane Dinge oder Umstände „heilig“ anstelle von sakralen. Das kann unter anderem daran liegen, daß sich viele im Wandel der modernen Zeit mit der hohen Geschwindigkeit in den Veränderungen veranlasst gesehen haben, aus den erstarrten Strukturen der Kirche und des im Elternhaus gelebten Glaubens auszubrechen. Aus Enttäuschung über eine Zurschaustellung von („Schein-„)Heiligkeit durch Personen, die wir im Alltag alles andere als heilig erlebten, oder weil uns niemand mehr die Kernbotschaften, die Mystik und die „Geheimnisse des Glaubens“ im Christentums wirklich überzeugend und „glaubhaft“ vermitteln konnte, haben wir uns ernüchtert von unserer westlichen Religionskultur abgewandt. Mit diesem „Glaubens-Kehraus“ haben wir höchstwahrscheinlich die Heiligkeit gleich mit aus unserem Herzen gefegt oder sie wurde einfach verschüttet, vergessen, nicht mehr gelebt.

Wir haben uns auf die Suche nach Antworten begeben, wollten nicht mehr alles einfach übernehmen (glauben), was uns andere als alleinige Wahrheit angeboten haben, sondern eher durch eigenes Erfahren und einen erweiterten Blickwinkel unseren persönlichen Zugang zu Gott finden. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch das neue Medium „Fern-seher“, der uns die Welt nach Hause brachte und neugierig machte, diese Welt mit ihren unterschiedlichen Sitten, Gebräuchen und Religionen für uns selbst zu erforschen – wir wollten einfach über den Tellerrand schauen. Wir konnten durch die neuen Möglichkeiten im Reiseverkehr in entlegene Länder und Subkontinente fliegen und dort die Tempel und Riten studieren. Durch die östlichen Angebote von Mediation und Yoga erschlossen sich neue Wege, die unserer Elterngeneration noch verschlossen waren. All das hat dazu geführt, daß wir uns von den dogmatisch straffen und durchstrukturierten Glaubensorganisationen entfernt haben, ihnen sozusagen entwachsen sind und uns vermeintlich emanzipiert haben. Dabei haben wir die tiefe Mystik, die doch auch in christlichen Ritualen wie z.B. der Eucharistiefeier liegen und die Freude der Begegnung in der „Communio“ leider ebenfalls aus unserem Alltag entfernt.

Oft genug wurde durch Kirchenaustritt ein rigoroser Schnitt gemacht, ohne dabei zu bedenken, daß wir neben dem scheinbar überflüssigen religiösen Ballast (im außen) auch den göttlichen Segen (im innern) gleichsam mit „ent-sorgt“ haben. Das daraus entstehende Leck, der leere Platz im Herzen, muss deshalb erneut mit Liebe, Sehnsucht und Hingabe an Gott gefüllt werden. Ich kann das hier so drastisch beschreiben, weil es meine eigene Lebenserfahrung ist. Allein die tiefe Sehnsucht nach Gott und meine feste Überzeugung, daß es uns möglich ist, Ihn auch schon in diesem Leben und in diesem Körper „wahr-zu-nehmen“ und zu erleben, hat mich angetrieben, weiter nach ihm zu suchen. Die spirituelle Suche darf jedoch nicht erneut durch Aufsaugen und unkritisches Adaptieren verschiedenster Theorien und Konzepte, die als vielfältige Wege auf einem riesigen Esoterikmarkt angeboten werden, im Kopf versanden. Wir sollten die angebotenen Möglichkeiten prüfen, unsere Erfahrungen machen und für uns mit unserer Wahr-nehmung die eigene, in uns wohnende göttliche Wahrheit finden. Wenn wir in unserer Mitte sind, in der Ruhe und Kraft, wenn wir unseren Frieden mit uns selbst, unserer Vergangenheit und Gegenwart haben, ja, wenn wir unseren Frieden mit Gott haben und in Ihm ruhen, dann sind wir mit Sicherheit auf dem richtigen Weg – unserem Weg.

Durch die Heiligkeit werden Rituale und Begegnungen mit dem Göttlichen eben zu dem Besonderen, zu der tiefen spirituellen Erfahrung, die uns mitten ins Herz trifft und dort für dessen Öffnung sorgt. Die Begegnung mit Gott ist auf unsere Herzensöffnung angewiesen, denn nur von dort aus kann unsere Liebe zu Gott fließen und dort erfahren wir seine. Das ist über den Verstand nicht zu erreichen.

Wir können Heiligkeit über viele Wege erfahren. Schau Dir im Frühjahr eine Knospe an, wie sie Tag für Tag größer wird und sich zu einem Strauß von Blättern entwickelt – welch ein Wunder des Lebens, der Göttlichkeit, im wahrsten Sinne des Wortes HEILIG. Jedes Leben ist heilig. Die Natur ist heilig. Die Schöpfung ist heilig. Gott, der sich in allem ausdrückt, ist heilig.

Ich behaupte, daß wir uns durch Konzentration auf ein Heiligenbild oder Heiliges Bild mit dem Göttlichen in Verbindung setzen können. Ein heiliger Raum mit einem Altar, wo sich die göttlichen Energien alleine durch unsere Konzentration auf die dargestellten Bildnisse, Symbole, Skulpturen bündeln, bringt uns in den Kontakt mit Gott. Die Verneigung vor dem Heiligen Bild oder der Statue gibt unserer Hingabe und Liebe Ausdruck.
Oft wird eine ehrfurchtsvolle, knieende oder gar hingestreckte Demutshaltung vor dem Altar als persönliche „Erniedrigung“  zurück gewiesen. Es erscheint nicht mehr zeitgemäß, Demut gegenüber einer höheren Instanz auszudrücken.

Ich sehe es aber nicht als Erniedrigung an, wenn ich dem Höchsten meinen Respekt zolle und meine Liebe ausdrücke, indem ich ihm zeige: „ich weiss, dass DU viel viel größer bist als ich“. Jeder von uns kennt das Bild des betenden Moslems, der kniet und mit der Stirn den Boden berührt. In diesem Moment ist der Kopf tiefer als das Herz, bildlich gesprochen unterwirft der Mensch den Verstand dem Herzen. Wenn die Menschen allesamt aus dem Herzen leben würden, dem Wohnsitz des Göttlichen in jedem von uns, dann wäre diese Erde das Paradies.

 

 

Nach meiner Erfahrung führt uns die Aufgabe/Preisgabe von Heiligkeit in eine spirituelle Austrocknung. Das Erblühen des Herzens als Voraussetzung der Transformation ist in Gefahr, wenn wir nicht verstehen, daß der Mensch sich heilige Rituale, heilige Orte, heilige Bilder zunutze machen kann und darf, um in eine direkte, freudvolle und erfahrbare Liebesbeziehung zu Gott zu kommen.

In meiner Praxis bin ich Menschen begegnet, die von ihrer kirchlichen Vergangenheit geradezu traumatisiert waren und sich heute deshalb vehement gegen spirituelle Regeln, Disziplinen und Heiligkeit wehren. Die neue Freiheit hat sie aber nicht glücklich gemacht, sondern bei genauerem Hinschauen ist dort ein großes Vakuum entstanden, eine ungestillte Sehnsucht.

Die Verneinung und der Verlust von Heiligkeit ist für mich eine außerordentlich tragische gesellschaftliche Entwicklung. Eine Rückkehr zur Heiligkeit ist nach meinen Erkenntnissen erst möglich, wenn die Ursachen für die Widerstände ehrlich angeschaut werden und ge-heilt werden. Die göttliche Gnade, die für diese Heilung not-wendig ist, fließt für jeden, der sie erbittet.